Die Leiden der jungen K. Samstag, März 15, 2008
Posted by JNj. in Tagesmenü.Tags: Übergewicht, Diätprodukte, Ketarier, Kohlenhydrate, Low-Carb, Patentrezepte
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Sie war ein fröhliches, lebhaftes Kind – die junge K. Vielseitig interessiert, aufgeweckt und – wie gesagt – fröhlich. In ihrer Teenagerzeit ging jedoch ein großer Teil dieser Fröhlichkeit verloren. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann genau das anfing, nur, dass sie plötzlich immer mehr zunahm. Dabei ernährte sie sich gar nicht anders als vorher und sie bewegte sich auch nicht weniger als vorher. Ganz im Gegenteil, sie liebte Wanderungen, Ausflüge, Radfahren, Schwimmen, das Herumtoben mit Freunden. Eigentlich hatte sich nichts verändert, außer ihrem Gewicht. Sie selbst merkte die Veränderung erst gar nicht. Aber als ihre Familie, insbesondere ihre Mutter, sie immer wieder auf ihre „Speckröllchen“ ansprach, als die Sticheleien zunahmen, da realisierte sie, dass sich etwas verändert hatte.
Die Sticheleien wurden häufiger. Ihr Onkel begrüßte sie fortan mit: „Na, Dickes!“ und ihre Mutter wurde immer genervter. Um K. zum Abnehmen zu bewegen, kaufte sie ihr bewusst engere Kleidung. „Wenn Du Dich darin nicht wohl fühlst, musst Du wohl mal abnehmen!“ Merkwürdig: Papa und Oma waren auch recht „rund“. Aber die mussten sich so etwas nie anhören, die wurden akzeptiert, wie sie waren. Oma sagte, wenn das Thema wieder einmal auf das Gewicht kam, so tröstende Sachen, wie: „Na, das verwächst sich wieder, wenn sie älter wird.“ Aber von Mutter kamen solche vorwurfsvollen Aussagen, wie: „So dick, wie Du bist, da kriegst Du doch nie einen Mann ab.“ Ob sie jemals einen „Mann abkriegen“ würde, das interessierte die junge K. zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Sie war 15, wollte erst einmal die Schule beendet und träumte davon zu studieren. Mann und Familie, das war noch weit, weit weg.
Aber für ihre Mutter schien es der Horror pur zu sein, dass „ihre Tochter“ einmal „keinen abkriegen“ könnte und in „ihrer Not“ schleppte sie das Kind zum Arzt. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich K. an diesen Tag: wie sie in dem schmalen, engen Wartezimmer saßen, wie sie sich fragte, warum sie eigentlich zum Arzt musste, obwohl ihr gar nichts weh tat, wie sie sich schuldig fühlte, weil sie – wie Mutter sagte – „einfach zu fett“ sei. Ja, wirklich – „fett“ – hatte Mutter gesagt. Irgendwann öffnete sich die Tür und sie musste der Mutter in das ärztliche „Sprechzimmer“ folgen. Hinter seinem Schreibtisch saß „der Doktor“. „Der Doktor“, wie er in der Familie fast ehrerbietig genannt wurde, war ein älterer, dicker Mann und er schaute sie durch seine Brille mit den dicken, dunklen Rändern an. Die junge K. schaute betreten zu Boden und hörte, wie ihre Mutter „dem Herrn Doktor“ ihr Leid klagte. Das Kind werde immer dicker und wolle aber auch gar nicht hören. „Na, da woll’n wir mal.“ kam darauf seine Antwort: „Schau mich mal an!“ K. schaute den Mann in seinem zu engen weißen Arztkittel an. Seine Worte, die er auf sie niederprasseln ließ, sollte sie nie wieder vergessen: „Du darfst nicht soviel Süßes essen! Nicht immer nur Puddings und solche Sachen! Du hast wohl Sorgen und frisst das darum in Dich hinein, was?“
Was danach geschah, daran konnte sie sich später nicht mehr erinnern. Ihre Erinnerung setzte erst wieder mit einem Apothekenbesuch ein. Ihre Mutter kaufte irgendwelche Diätprodukte „für sie“ ein und klagte dabei dem Apotheker wieder ihr Leid, dass „das Kind“ sooo dick geworden sei. Nach Hause gekommen wurden die neu erworbenen und teuer bezahlten Diätdrinks angerührt und verabreicht. Sie schmeckten der jungen K. überhaupt nicht und – was noch viel schlimmer war – sie machten nicht satt, sondern ganz im Gegenteil sie verstärkten ihren Hunger. Erst Jahre später sollte sie erfahren, warum dies so war: Diese Diät“mahlzeiten“ enthielten massenhaft Kohlenhydrate und damit genau den Stoff, den K.’s Körper nicht mehr verarbeitete und darum Fett ansetzte … Doch diesen Teufelskreis konnte K. damals noch nicht erkennen. Die familiäre Situation wurde durch dieses Problem immer gespannter. Da K. schon lange kein wirkliches Sättigungsgefühl mehr kannte und die Diät“mahlzeiten“ ihren Hunger nur vergrößerten, aß sie mehr als zuvor und nahm natürlich zu.
Es folgten weitere Arztbesuche, weitere Vorwürfe („Wir haben schließlich viel Geld für Deine Diäten ausgegeben!“), weitere Schuldgefühle …. Der Arzt musste doch Recht haben, er war immerhin ein „studierter Mann“, vor dem alle Achtung und Respekt hatten. Konnte die junge K. seine Kompetenz in Frage stellen? Erst nachdem dieser Arzt bei ihr einen Bandscheibenvorfall falsch diagnostiziert hatte („Ein so junger Mensch kann so etwas nicht haben!“) und nachdem er einen Schlaganfall bei einem anderen Familienmitglied nicht als solchen erkannt hatte (wie sich später herausstellen sollte geschah dies unter Alkoholeinfluss), wurde sie von diesem eingeimpften falschen Respekt befreit. Wann immer sie an diese ganze Sache dachte, kamen ihr die Worte aus dem Lied „Silent Legacy“ von Melissa Etheridge in den Sinn:
„Remember how they taught you
How much of it was fear
Refuse to hand it down
The legacy stops here“
Erst Jahre später, nach einer wahren Ärzte-Odyssey, fand K. dann jedoch einen Arzt, der sie nicht nur mit „Patentrezepten“ abfertigte, sondern sie ernst nahm, ihr zuhörte und anschließend auch wirklich half. Ihr Leben wurde dadurch zwar nicht leichter, aber immerhin ihr Körper.
Die Leiden der jungen K. von ihr selbst erzählt. Aufgezeichnet von M.A.E.



